Touristen, haut bloß ab: (Not) welcome to Barcelona

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Die Chusmania-Redaktion besteht aus gelaunten Freigeistern und so zeichnen sich unsere Berichte generell durch den positiven Grundansatz, spaßige Ironie und zukunftsgerichtete Visionen aus.

Der heutige Artikel, so muss man es gleich zu Beginn sagen, entbehrt allerdings jedes noch so kleine bisschen Humor. Es wird komplett unlustig, denn es geht um Kleingeistigkeit und Hass. Es geht um Barcelona.

Barcelona. Innovationshauptstadt. Kreativen-Magnet. Weltoffenheit. So stellt sich die Stadt gerne da.

Barcelona. Hass auf Touristen. Airbnb-Klage. Engstirnigkeit.

Dass viele Katalanen ihr eigenes Ding drehen wollen, dürfte ja bekannt sein. Schon seit längerem hat man im spanischen Nordosten das Land Spanien im Allgemeinen und Madrid im Besonderen als Schuldigen für die eigene Finanzmisere ausgemacht und strebt die Unabhängigkeit an.

In Barcelona gibt es seit geraumer Zeit eine neue Hassfigur: Den Touristen. Er ist nicht an allem, aber doch eigentlich fast an allem Schuld: Die hohen Mietpreise, verursacht durch die Umwandlung von Wohnraum in Hotels. Die vollen Stadtstrände, an denen die Guiris Alkohol aus Bierdosen schlürfen. Am Identitätsverlust der Stadtviertel in Barcelona, die von Touristenmassen durchströmt werden.

Man hat sogar schon einen so genannten Dokumentarfilm zum Thema drehen lassen, der den Wandel Barcelonas von einer Hochburg der Kultur in einen schnöden Freizeitpark kritisiert. Wer sich “Bye Bye Barcelona ansieht”, könnte meinen, die Stadt ist über kurz oder lang dem Untergang geweiht.

In der Realität gehen die guten Bürger Barcelonas noch ein paar Schritte weiter. Auf Volksfesten, den fiestas, die in den Stadtvierteln im Sommer stattfinden, demonstriert man neuerdings eifrig gegen den bösen Touristen, der, wie wir wissen, Schuld an fast allem hat. Da werden öffentlich Plakate ausgerollt wie “Barcelona ist kein Themenpark – Tourists go home” oder “Gracia (Stadtviertel in Barcelona) ist gut für Touristen – schlecht für die Anwohner”.

Wir in der Chusmania-Redaktion in Barcelona haben ja auch Augen im Kopf und ja, es ist wahr: Ja, Barcelona ist voll von Touristen. Richtig, Parks wie der berühmte Park Güell kosten neuerdings Geld, nur um die Besuchermassen kontrollieren zu können. Es stimmt, dass in Vierteln wie Gracia ein Hostal nach dem anderen aufmacht. Und ja, kein vernünftiger Mensch, der in Barcelona wohnt, geht freiwillig auf die von Touristen überströmte Rambla.

Nur – wer trägt denn die Schuld daran? Der Tourist?

Oder vielleicht doch jemand anders?

Waren es Touristen, die ein zweites Flughafenterminal in Barcelona gebaut haben, auf dem nun Flugzeuge im Zwei-Minuten-Takt starten und landen? Sind es Touristen, die auf der Rambla de Catalunya FC Barcelona-T-Shirts und anderen Krimskrams verkaufen oder dort als Straßenkünstler die Menschen anziehen? Sind es Touristen, die fleißig Hotel- und Hostal-Lizenzen verteilen und damit normalen Wohnraum kaputt und teuer machen? Sind es Touristen, die in den Bars statt der typisch spanischen Caña (kleines Bier) plötzlich Bier in Maßkrügen anbieten? Sind es Touristen, die tierisch teure Touri-Bustouren im en masse organisieren und dadurch noch mehr Verkehr auf den sowieso überfüllten Straßen verursachen?

Statt sich über die Touristen zu beschweren, sollten sich die unzufriedenen Bewohner Barcelonas mal über ihre Stadtverwaltung und Landesregierung Gedanken machen. Dass der Bürgermeister Barcelonas durchaus ein Freund der Hotellobby ist, zeigt das absurde Vorgehen der Stadt gegen Airbnb, erfolgreicher Vermittler privater Unterkünfte. Hier schreitet die Stadt ein, schließlich bekommen die Hotels die private Konkurrenz schmerzhaft zu spüren.

Der Tourist kommt nach Barcelona, weil die Stadt einiges zu bieten hat: Sonne, Kultur, Umland, Strände und das zu einem recht günstigen Preis. Damit machen die so nervigen Touristen Katalonien jährlich um 14 Milliarden Euro reicher.

Barcelonas Einwohner wollen keine Bier saufenden Assis am Strand? Macht die Billig-Bars zu.

Barcelonas Einwohner wollen keine grölenden Junggesellen-Abschieds-Gruppen aus dem Ausland auf der Rambla? Schränkt die Zahl der Flüge ein.

Barcelonas Einwohner wollen Stadtviertel, in denen man authentisch leben kann? Limitiert die Hotel-Lizenzen.

Barcelonas Einwohner wollen ihre Stadt zurück? Super Idee! Wenn man dabei gleichzeitig in Kauf nimmt, dass die größte Einnahmequelle der Stadt spürbar weniger sprudeln wird, ist das ein durchaus vertretbarer Standpunkt.

Wenn man aber nach einer einfachen Lösung sucht, und den Touristen an sich für das Problem verantwortlich macht, ist das vor allem eins: Dumpfer, engstirniger Rassismus.

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