Die spanische Hochzeitseinladung

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Es ist nur ein weißer, länglicher Briefumschlag, den ich in den Händen halte. Nur ein Stück bedrucktes Papier. Doch es treibt mir den Schweiß auf die Stirn, und nein, es liegt nicht an den 35 Grad Celsius Außentemperatur. In dem Moment, in dem ich den Brief berühre und meine Augen hastig den Absender überfliegen, wird mir klar, dass es sich um eine Einladung handelt.

‘Na und’, mag der naive Geist jetzt sagen, ‘Einladungen sind doch was Schönes’.

Sie sind es nicht. Einladungen sind der blanke Horror. Zumindest wenn man in Spanien lebt und es sich um eine Hochzeitseinladung handelt. Wie sonst lässt sich erklären, dass man von extrem entfernten Bekannten plötzlich eine Einladung zu deren Vermählungszeremonie im Briefkasten liegen hat. Woher, verdammt, hatten die überhaupt meine Adresse?

Wer zur einen spanischen Hochzeit geht, der bringt nicht gute Laune mit. Essentiell ist der mitgebrachte Umschlag. Der muss weder weiß noch länglich sein, sondern vor allem voll. Um genau zu sein, 100 Euro pro Nase sind das unterste Limit. Wer von Mutter Natur vernachlässigt wurde oder aus Prinzip solo ist, der legt einfach noch einen Fuffi drauf. Solo-Sein gehört sich schließlich auch nicht.

Geschenke sind nicht erwünscht, Kohle muss auf den Tisch und zwar möglich viel. Wer Bedenken hat, einen Haufen Bargeld in (weißen, länglichen) Umschlägen mit sich rumzuschleppen, auch dem wird unbürokratisch geholfen: Die Kontonummer des Brautpaars befindet sich gut lesbar auf der Rückseite der Einladung. Bitte im Vorfeld überweisen und Quittung mitbringen, sonst gibts bei der Hochzeit kein Menü (und Bier mal sowieso nicht).

Es ist ja nicht das Geld. Geld ist bekanntlich nur eine Idee. Es ist die Kosten – Nutzen – Rechnung, die mir beim Berühren des Umschlags den Schweiß auf die oben genannte Stirn treibt. 100 Euro für einen Abend mit einer Bande von Leuten, die aus Sicht meiner kleinen, feinen Welt genausogut nicht existieren könnten? 100 Euro – wie kann ich jemals nur soviel Bier saufen? 100 Euro für eine Hochzeit?

Da kann ich nur sagen: ‘Fuck you’. Oder wie der Spanier sagt: ‘Nunca máis’. Und zwar völlig gratis.

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