Barcelona – Gracia: Zurück am Prenzlberg

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Barcelona_prenzlbergWie besonders schlaue Stammleser dieses exklusiven Blogs wissen, residiert die handverlesene Redaktion von chusmania.com in einem luxuriös ausgestatteten, hypermodernen Büro im Herzen von Barcelona (nur der Volontär muss in den Keller, da kennen wir nix). Um etwas genauer zu sein: Wir sitzen in der Mitte von Barcelona, im Stadtviertel Gracia.

Doch haben wir extra-scharf beobachtet und nehmen in unserem Umfeld neuerdings eine erschreckende Veränderung wahr. Wo unser Viertel früher durch mediterranes Wohlfühl-Feeling überzeugte, ähnelt das barrio nun täglich mehr und mehr dem Schreckensgespenst unter den deutschen Stadtvierteln: Dem Prenzlauer Berg*.

Wir wollen jetzt nicht anfangen über die ständig wachsende Anzahl der Bio-Läden zu reden. Ich mag Bio-Läden. Bis zu einer gewissen Konzentration. Wenn Bioladen-Besitzer sich übertrumpfen wollen, wer noch mittelalterlicher, ursprünglicher und ungeduschter daher kommen kann, hat das aber so viel mit Bio zu tun wie Gluten-frei mit Weizenbier. Dann ist das einfach nur Pseudo-Öko-Gedöns, gepaart mit miesepetrigen Verkäufer-Gesichtern, was sicher nicht zum Wiederkommen einlädt.

So sieht sich der gestresste Öko-Einkäufer (also ich) gezwungen, das aufgebrachte Gemüt etwas herunterzufahren. Was wäre dafür besser geeignet als eine Runde Yoga. Zum Glück lebe ich in Barcelona – Prenzlauer Berg Barcelona – Gracia. Da gibt es nämlich mehr Yoga-Studios als Bäckereien, Metzgereien und Grow-Shops. Zusammen. Ob Hata, Heil-Yoga, Ying-Yoga – für jeden Suchenden der inneren Ruhe ist was dabei. Für die eher Sportlichen bieten sich in Gracia gefühlte tausend Pilates-Studios an. Spirituelle Geister treffen sich bei einem der Reiki-Seminare. Davon gibt es hier in Gracia mehr, als Griechenland Schulden hat. Darauf ein Om mit Doppel-M.

Den endgültigen Beweis, warum der Prenzlberg endlich auch in Spanien, äh, Katalonien, angekommen ist, lieferte aber heute das Gespräch mit einer Krankenschwester (dieses Gespräch ist im Übrigen auch der Grund für das gesamte Gesabbel hier). Die fachkundige Kinderkrankenschwester berichtete nämlich über die wachsende Impf-Unlust, die sich in letzter Zeit bei ihrer Klientel im Viertel breit macht.

Sie sprach von Eltern, die aus ideologischen Gründen ihrem Nachwuchs den doch ziemlich wichtigen Impf-Schutz verwehren. Ohne hier in den wachsenden Zweikampf zwischen pragmatischer Rationalität und idiotischer Impfgegnerschaft einsteigen zu wollen, eines war nach diesem Gespräch klar: Endlich ist der Weg frei in diesem unserem Viertel: Frei für laktose-freie Elternabende, asketische Grundsatzdiskussionen und fröhliche Masern-Partys.

Hier in Gracia. Hier, in Barcelona – Prenzlberg.  Hier in unserem Wohlfühl-Viertel. Und wo sollen wir denn ab jetzt noch unsere zahlreichen Feierabend-Biere trinken, ohne uns schlecht dabei zu fühlen? Fuck.

*Der Verfasser dieses Pamphlets hat knapp 2 Jahre am Prenzlauer Berg in Berlin überlebt und eigentlich gedacht, dieser Albtraum sei für immer vorüber.

 

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